Presse
Lippesche Landes-Zeitung Nr. 95, 24./25. April 2010-04-28, S. 10
Märchen als Schlüssel zur Sprache Stiftung Standortsicherung stellt 122 000 Euro für Erzählprojekt in Schulen bereit.
Von Jana Beckmann
Die Geschichten von den Gebrüdern Grimm & Co halten Einzug in die Klassenräume. Beim Projekt ‚Lippe erzählt’ sollen Erzähler ausgebildet werden, um Sprachförderung an Schulen zu betreiben.
Kreis Lippe: „Das Thema Erzählen ist eines der ursprünglichsten.
Es soll aber nicht nur unterhaltend sein, sondern auch etwas Gesellschaftsrelevantes bewirken“, sagt Kay Metzger, Intendant des Landestheaters Detmold.
Ziel ist, die Sprachkompetenz von Schülern zu erhöhen.
Dazu möchte die Lippe Bildung e.G., das Bildungsbüro Kreis Lippe und das Landestheater Detmold, die das Projekt zusammen organisieren, sechst professionelle Erzähler ausbilden lassen.
Diese gehen einmal pro Woche in den Unterricht, erzählen den Kindern Geschichten und animieren sie, selbst welche zu erfinden.
Vorbild für ‚Lippe erzählt’ ist das Berliner Projekt ‚ErzählZeit’ unter der Leitung von Professor Dr. Kristin Wardetzky.
„Wir arbeiten vor allem mit Kindern, die bei der Sprachstandserhebung Delfin 4 schlecht abgeschnitten haben und auch hyperaktiv sind.
Wenn der Erzähler vor ihnen sitzt, werden sie ruhig.
Die Geschichten sind Nahrung für die Fantasie, Kreativität und Entspanntsein’, berichtet sie.
Außerdem habe das Projekt Auswirkungen auf den Spracherwerb.
„Die Spanne des Zuhörens ist zunächst gering, dehnt sich aber aus.
Wenn die Kinder selbst Geschichten erfinden, geht der Sprachgebrauch in ihren eigenen über“, sagt die Professorin und nimmt Bezug auf eine Evaluation von Universitätsmitarbeitern.
‘Lippe erzählt’ nimmt das Konzept auf und holt die Berliner Erzähler für eine Fortbildung nach Detmold [...]
Im Laufe von drei Jahren sollen auf diese Weise 36 Erzähler ausgebildet werden.
Dafür stellt die Stiftung Standortsicherung Kreis Lippe 122 000 Euro zur Verfügung.
Nach der Startphase soll das Projekt dauerhaft in lippischen Grund- und Hauptschulen, aber auch in Kindergärten etabliert werden.
Die GRUNDSCHULZEITSCHRIFT, Ausgabe 231/2010, Friedrich Verlag Seelze
Märchen können die Fantasie von Kindern befruchten, am besten, wenn sie erzählt werden. In einem Projekt passiert dies über einen Zeitraum von zwei Jahren, für die allermeisten Kinder in der Zweitsprache – am Ende schreiben die Kinder eigene Märchentexte.
Wer erinnert sich noch ans Schwimmenlernen? Hopsen im Wasser, höher und höher, tiefer und tiefer, kurzes Untertauchen, schlups, wieder hoch in die Luft, ...
... mehr dazu im Artikel mit Titel 'Schwimmen lernen' als PDF
von Kristin Wardetzky
Fotos: Angela Kröll
St.Galler Tagblatt 22. Januar 2009
Kristin Wardetzky, frühere Professorin an der UdK in Berlin, machte dem Generationentheaterclub am Theater St. Gallen mächtig Lust auf Erzähltheater. Zwei Tage zwischen Mythen und Tatendrang.
Brigitte Schmid-Gugler:
St. Gallen. Es wird getratscht. Es wird gelacht und gekichert. Es wird erzählt. Es wird gelauscht. Hauptsächlich wird gelauscht. Denn die in diesem Jahr bereits von sechs auf dreizehn angewachsenen «Bellybuttons» (elf Frauen, zwei Männer) haben eine begnadete Erzählerin in ihrer Runde. Für ein Wochenende kam die frühere Professorin an der Universität der Künste in Berlin nach St. Gallen, um mit den begeisterten Hobbyschauspielerinnen und -schauspielern den diesjährigen Erzähltheater-Kurs anzuteigen. Wer ihr zuhört, die Leidenschaft fürs Erzählen in ihrer Stimme hört, hört nicht mehr weg. Kann es kaum fassen: Dass man aus einem uralten Stoff wie dem des «Odysseus» so viel Aktualität herausfiltern kann. Dass sich aus den Handlungsweisen der Monster, Götter und Orakel die Sehnsucht des modernen Menschen herbuchstabieren lässt.
Vertrauen schaffen
Kristin Wardetzky, die an der UdK Theaterpädagogik unterrichtete, gelingt es spielend, ihre Zuhörerschaft zu fesseln, zu berühren, zum Lachen zu bringen. Lachen löse jeden Knoten, sagt sie. Das Spiel in einer Erzähltheatergruppe dürfe nie auf Vereinzelung zielen, sondern müsse dem Umstand, dass die Beteiligten im Verlauf der Proben einiges von sich preisgeben würden, Rechnung tragen. «Der Augenkontakt, die Berührung fördern das gegenseitige Vertrauen.» Dass der Knoten schon ganz locker sitzt, lässt sich aus den Statements der letzten Workshop-Stunde heraushören. Nacheinander erzählt sich die versammelte Runde im Alter zwischen zwanzig und achtzig Jahren eine frei erfundene kurze Fortsetzung der Geschichte des «Odysseus», dessen eigene eine gewalttätige, grausame, gleichzeitig verträumte, abenteuerliche voller Irrwege war.
Moderne Mythologie
Genau dort möchte Ines Honsel, die früher Schülerin von Kristin Wardetzky war und heute Verantwortliche des Jugendtheater-und des Generationentheaterclubs ist, ansetzen. Sie war es, die das Erzähltheater am Theater St. Gallen ins Leben rief. Sie wolle mit ihrer Gruppe auf eine Reise gehen, sagt Honsel, ohne jetzt schon zu wissen, in welche Gestade es sie verschlagen werde. Anders als in vielen glücklich endenden Märchen sei die Mythologie reich bestückt mit ganz und gar menschlichen und modernen Verhaltenssynonymen. Rastlosigkeit und das Herumgeworfenwerden, die Angst vor dem Scheitern, die Widersprüche, die Fragen nach Eigenverantwortung und Schicksal – in diesen uralten Stoffen seien sie facettenreich, wenn auch oft verschlüsselt beschrieben.
Erzählend dem Leben nähern
«Odysseus» sei eigentlich die Geschichte einer Beziehung zwischen Mann und Frau, es gehe um den «Kampfplatz» Ehe, den Krieg, auch den in der Familie, und viel weniger, als hinlänglich transportiert, um den Träumer und Abenteurer O. Mit zahlreichen Anhaltspunkten und Hintergrundinformationen entlässt Kristin Wardetzky die «Bauchnabler»-Gruppe. Bis zu den Aufführungsdaten im Juni werden sie sich gegenseitig ganz untherapeutisch, aber dafür umso lustvoller ein paar Lebens- und Seelenfragen stellen, über eigene und andere Fehl- und Unzulänglichkeiten zu sprechen kommen und uns diese hoffentlich in appetitlich aufbereiteten Erzähltheaterhäppchen wie ein Stück scharfen Ingwer unter die Nase reiben.
Infos zum Generationentheaterclub bei i.honsel@theatersg.ch
Tagesspiegel vom 2.9.2008
Lebendiges Deutsch Initiativen und Wettbewerbe rund ums Sprechen und Schreiben
„…Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das Projekt „Erzählen in der Schule“ des Vereins Erzählkunst rund um die ehemalige UdK-Professorin Kristin Wardetzky. Hier geht es darum, Grundschulkinder gerade in benachteiligten Gegenden an eine bilderreiche und anspruchsvolle Sprache heranzuführen. Professionelle Erzählerinnen kommen dafür in ausgewählte Schulen und erzählen den Kindern Märchen aus verschiedenen Kulturkreisen – ohne Textvorlage, aber mit starken gestischen und mimischen Mitteln. Gerade hat der Verein aus dem Projektfonds Kulturelle Bildung 50 000 Euro erhalten und kann künftig in 10 Berliner Schulen Erzählprojekte durchführen. „Durch das aktive Zuhören erweitern sich die Fantasie und der Wortschatz der Kinder, gerade bei denjenigen, die zu Hause nicht mit der deutschen Sprache aufwachsen“, sagt Kristin Wardetzky. „Sie werden selbst zu Erzählern und erfinden komplexe und berührende Geschichten.“ Lehrer und Lehrerinnen, die die Methode ausprobieren möchten, aber auch andere Interessierte können sich in einem einjährigen Kurs des Vereins in der Kunst des mündlichen Erzählens ausbilden lassen…“
Tagesspiegel vom 24.12.2007
"Da gingen bei mir die Lichter auf“
Die Theaterpädagogin Kristin Wardetzky will das Erzählen als Kunstform und als Studienfach etablieren.
Wenn Kristin Wardetzky anfängt zu träumen, sieht sie ein Schloss vor sich – nein, eher einen Gutshof, eine Scheune. Jedenfalls ein Gebäude. Dieses Gebäude würde summen vor Geschichten, in diesem Haus würden Menschen ein und aus gehen, die mit ihren Stimmen, ihren Worten ganze Welten herbeizaubern können – und Menschen, die ins Zuhören verliebt sind. Wenn Kristin Wardetzky träumt, sieht sie eine Bildungsstätte vor sich, in der sich alles um die Kunst des Erzählens dreht, in der professionelle Geschichtenerzähler ausgebildet werden: eine Erzählakademie.
Träume treiben in vielen Märchen und Geschichten die Handlung voran – und oft müssen Held oder Heldin allerlei Prüfungen bestehen, bevor sich ihre Vision verwirklicht. Kristin Wardetzky, bis vor kurzem Professorin für Theaterpädagogik an der Universität der Künste (UdK), arbeitet seit rund 15 Jahren für ihr großes Ziel: das Erzählen in Deutschland als Kunstform und als Studienfach zu etablieren. „Das freie Erzählen – nicht Vorlesen! – von tradierten Geschichten, von Märchen und Sagen, birgt eine besondere Magie, die weder Bücher noch das Fernsehen bieten können“, sagt sie. Und wie immer, wenn sie von ihrer Leidenschaft spricht, scheint sie mit dem ganzen Körper zu leuchten.
Die überlieferten Geschichten, seien sie aus der Odyssee, aus Tausendundeiner Nacht oder aus indischen Märchensammlungen, wollen lebendig gemacht werden: durch einen Erzähler, der sie bei jedem Vortrag, für jedes Publikum neu erschafft. Das Erzählen schafft eine sehr unmittelbare Verbindung zu all den Schätzen früherer und fremder Kulturen, die ursprünglich mündlich überliefert wurden und die in schriftlicher Form nicht dieselbe Strahlkraft haben. „Wenn Sie Ovid lesen, werden Sie ermüden. Wenn Sie ihn hören, sind Sie begeistert!“
Ein guter Erzähler, sagt Kristin Wardetzky, hole Dinge in die Gegenwart, die Jahrhunderte von uns entfernt sind. „Und das ist so wichtig: nicht nur am Moment zu kleben, sondern einen großen Atem zu haben und mit der Vergangenheit in Verbindung zu bleiben.“
In ihrer Arbeit an der UdK, wo sie von 1993 bis Herbst 2007 tätig war, hat sie den Schwerpunkt aufs Erzählen gelegt: auf Märchentheorie, Oralität, griechische Mythologie, sie hat Studenten für das Erzählen begeistert und auf internationalen Erzählerfestivals Kontakte geknüpft. Im vergangenen Jahr holte sie den profilierten britischen Erzähler Ben Haggarty als Honorarprofessor an die UdK – damit die Studenten am Beispiel eines großen Meisters lernen können. Denn genau daran mangele es in Deutschland: Die Erzählerszene sei noch wenig professionalisiert. Um das zu ändern, hat die 65-Jährige, die im Herbst pensioniert wurde, den Verein „Erzählkunst“ gegründet (siehe Kasten unten) und bereitet ein internationales Erzählerfestival vor.
Erzählen ist eine Kunst, die Nutzen bringt – auch und gerade in der Bildung. Zusammen mit der Privat-Initiatorin Marie-Agnes von Stechow hat Kristin Wardetzky ein Projekt an der Weddinger Anna-Lindh-Grundschule ins Leben gerufen: Professionelle Erzählerinnen kamen, finanziert u. a. von der Deutschen Bank Stiftung, über zwei Jahre in die Grundschule und erzählten den Zweitklässlern mit Migrationshintergrund Märchen aus verschiedenen Kulturen.
„Das war eine Infusion mit den Vitaminen F und S“, sagt Wardetzky – F steht für Fantasie, S für Sprache. Die Wirkung dieser Infusion war deutlich zu spüren: Die Kinder hatten hinterher, im Vergleich zur Kontrollgruppe, einen größeren Wortschatz, auch ihre Konzentrationsfähigkeit, Fantasie und Erzählkompetenz waren gewachsen. Das Projekt hat einen Sonderpreis im Bundeswettbewerb „Kinder zum Olymp“ gewonnen und kann dank des Preisgelds und einer anonymen Spende in diesem Schuljahr weitergeführt werden. Um auch an anderen Schulen die Arbeit professioneller Erzählerinnen zu verankern, fehlt bislang das Geld.
Nebenbei ist Kristin Wardetzky Jurorin beim Tagesspiegel-Erzählwettbewerb (siehe Kasten rechts). Im Herbst hat sie ein Seminar für Lehrer gegeben, die sich mit ihren Klassen am Wettbewerb beteiligen möchten – und zeigte ihnen Methoden, wie man mit Bildern die Erzählfreude der Schüler anregen kann: etwa mit dem „Kamishibai“, das die traditionellen japanischen Erzähler verwendeten. Sie saßen mit einem kleinen Bilderkasten an den Straßenecken, schoben ein Bild nach dem anderen hinein und erzählten dazu ihre Geschichten. „Das macht auch Schülern großen Spaß.“
Kristin Wardetzky ist erst spät zu ihrem Lebensthema gekommen: Fast fünfzig war sie, als sie es entdeckte. Zuvor hatte die studierte Germanistin und Anglistin als Theaterpädagogin im Ostberliner „Theater der Freundschaft“, dem heutigen Theater an der Parkaue, gearbeitet.
Dann kam die Wende, und Kristin Wardetzky schrieb ihre Habilitationsarbeit über Märchen, die 1500 ostdeutsche Kinder selbst erfunden hatten. Während dieser Arbeit traf sie die Erzählerin Margarete Möckel aus Franken: „Die hat sich vor den Ofen gesetzt und mir die Grimm’sche Geschichte vom Trommler erzählt – da habe ich die Welt vergessen, da gingen bei mir die Lichter auf.“
Noch gibt es in Deutschland keinen Ort, an dem professionelle Erzähler ausgebildet werden – mit allem, was dazugehört: Schauspiel, Gesang, Bühnenpräsenz, aber auch weitreichende Kenntnisse der Mythologie und ein großes Repertoire an Geschichten aus aller Welt. Die UdK oder eine Akademie könnten zu einem solchen Ort werden, hofft Kristin Wardetzky, und zwar mit einem zweijährigen „Masterstudiengang Erzählen“ als Weiterbildung für Schauspieler, Sänger, aber auch für Lehrer und andere Interessierte. Der Ausgang dieser Geschichte ist noch offen – so wie das Schloss oder auch die Scheune der Erzähler vorerst Träume sind. Aber die Kraft der Träume, das sagen fast alle Geschichten dieser Welt, sollte man niemals unterschätzen.
Dorothee Nolte
Tagesspiegel vom 11.09.2007
Der Müllmann, der ein Müller ist
Märchenerzählerinnen in den Schulen regen die Phantasie an: 40 Minuten lang hören die kleinen Kinder aufmerksam zu, wenn die Geschichtenerzählerinnen von verwunschenen Zeiten erzählen.
Es war einmal ein Müller, der lebte in einem kleinen Haus …“ – Moment mal, Müller, was ist das, vielleicht ein Müllmann? „Das Haus lag an einem großen Fluss, der Donau hieß“ – Donau, komisches Wort, klingt wie Döner! „Eines Tages …“ Die Stimme der Erzählerin ist ruhig, sie blickt die um sie versammelten Kinder aufmerksam an, erst wenn die Geschichte vom Müller eine dramatische Wendung nimmt, wird sie die Stimme erheben, gestikulieren und mit den Augen rollen. Die Zweitklässler der Anna- Lindh-Grundschule hören gebannt zu. Was macht es, dass sie nicht wissen, was ein Müller ist und beim Wort Donau zuerst Döner assoziieren? Am Ende der Geschichte werden sie eine Vorstellung davon entwickelt und 40 Minuten lang ihre Fantasie trainiert haben.
An zwei Vormittagen in der Woche bekommen die Zweitklässler ihre Märchenstunde im eigens dafür eingerichteten Erzählraum. Vier professionelle Erzählerinnen kommen abwechselnd in die Weddinger Grundschule und tragen Märchen aus unterschiedlichen Kulturkreisen vor – ohne Buch, aber mit all den sprecherischen und schauspielerischen Mitteln, die sie in ihrer Ausbildung an der Universität der Künste (UdK) erworben haben.
Dass Kinder, von denen die meisten zu Hause nicht mit der deutschen Sprache aufwachsen, 40 Minuten zuhören, ist schon an sich erstaunlich. Als das Projekt „Erzählen und Spielen“ vor zwei Jahren an der Weddinger Grundschule begann, war das auch keineswegs der Fall. „Die Erzählstunden waren wie Wechselbäder“, erinnert sich Christiane Weigel, die das Projekt für die UdK wissenschaftlich begleitet hat. „Die Kinder tobten und schrien durcheinander, sie waren nicht gewöhnt, sich zu konzentrieren.
Kristin Wardetzky, Theaterpädagogin an der UdK und Projektleiterin, ergänzt: 'Diese Kinder haben zu Hause oft niemanden, der lange mit ihnen spricht oder ihnen vorliest. Oft genug ist ihre Fantasie völlig von Fernsehbildern in Beschlag genommen. Zuhören, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, das kannten sie nicht.
Trotz der anfänglich entmutigenden Erfahrungen wollten die Theaterpädagoginnen nicht von ihrem Konzept abweichen, das darin besteht, die deutsche Sprache auf künstlerische Weise zu vermitteln. „Die Erzählerinnen vereinfachen nicht, sie benutzen bewusst eine poetische Sprache, und sie erklären auch nicht jedes Wort, das die Kinder nicht kennen“, erläutert Kristin Wardetzky.
Ein Ansatz, der mit der Zeit offenkundig Wirkung zeigt. Die wissenschaftliche Auswertung, die jetzt vorliegt, belegt: Die Kinder haben nicht nur gelernt zuzuhören; sie erzählen die Geschichten auch nach und benutzen dabei vorher unbekannte Wörter; und sie erzählen eigene Geschichten mit deutlich erweiterten sprachlichen Mitteln. „Mich hat beeindruckt, dass gerade lernschwache Kinder davon profitieren“, berichtet Christiane Weigel, die mit den Kindern immer wieder Entwicklungstests gemacht hat.
Der Direktor der Anna-Lindh-Schule, Thomas Leeb, ist ein glühender Befürworter des Projekts: 'Das ist die beste Art der Sprachförderung, die ich kenne', sagt er. Die Kinder, die an dem Projekt teilgenommen haben, hätten in den Vergleichsarbeiten deutlich besser abgeschnitten als ihre Mitschüler aus Parallelklassen. Die sinnliche Erfahrung von Sprache, die Betonung von Klang, Rhythmus, Stimme, Gestik erweitern offenbar das Sprachvermögen der Kinder mehr als so manche Deutschstunde, in der erklärt und geübt wird.
Angestoßen wurde das Projekt von einer Privatfrau: Marie-Agnes von Stechow konnte Unterstützung von der Deutschen Bank einwerben. 'Geld, das nach zwei Jahren aufgebraucht ist. Das Projekt hat einen Preis im bundesweiten Wettbewerb „Kinder zum Olymp“ gewonnen. Von dem Preisgeld können die Kinder der Anna-Lindh-Schule noch ein halbes Jahr ihre Märchenstunde genießen. Das Quartiersmanagement Sparrplatz bezahlt dafür, dass Erzählerinnen bis Dezember in drei andere Schulen gehen können. Nun werden Unterstützer gesucht, damit es nicht bald heißt: 'Es war einmal ein Erzählprojekt'.
Dorothee Nolte
Tagesspiegel vom 14.07.2007
Kunst des Abwandelns - Porträt eines Storytellers
Der britische Storyteller Ben Haggarty lehrt UdK-Studenten das Handwerk des Erzählens.
Ein Märchenonkel sieht anders aus. Elegant steht Ben Haggarty auf der Bühne, mit Krawatte, Anzugjacke und einem Lächeln in den Augenwinkeln. Es fehlt nur der Zylinder, und er könnte als Zauberkünstler durchgehen. Was er in gewisser Weise auch ist: Haggarty praktiziert eine Form der Zauberei, die mit den Worten „Once upon a time“ beginnt. Er erzählt Geschichten.
Geschichten von Königen, Prinzessinnen, Trollen und Trunkenbolden, bekannte und vergessene, jedenfalls: traditionelle, ursprünglich mündlich überlieferte Geschichten. Seine Kunst kommt ohne jeden technischen Aufwand aus und ist Jahrtausende alt. Und doch ist Ben Haggarty möglicherweise der erste Erzähler der Weltgeschichte, der professorale Würden erreicht: Die Universität der Künste hat dem 50-jährigen britischen Storyteller, der in England die beinahe vergessene Tradition des mündlichen Erzählens wiederbelebt hat, eine Honorarprofessur verliehen. In 23 Ländern ist er schon aufgetreten, hat Festivals und Erzählzentren gegründet, in Schulen und Museen gearbeitet, Erzähltraditionen in Indien und Zentralasien erforscht. Nun kommt er regelmäßig nach Berlin, um UdK-Studenten in die Kunst des Erzählens einzuweihen.
Ich will diese Geschichten weitergeben, weil ich sie liebe', sagt Haggarty. 'In ihnen geht es ganz direkt um die existenziellen Fragen im Leben, um Gier, Neid, Vergebung, Liebe und Tod. Moderne Schriftsteller erzählen oft nur von ihren eigenen Neurosen. Die habe ich auch – aber ich behalte sie für mich.“ In seiner Bibliothek mit 3000 Bänden sammelt Haggarty Geschichten aus aller Welt, gut 200 von ihnen hat er im Kopf, 150 weitere kann er nach kurzer Vorbereitung erzählen, bis hin zum Stunden dauernden Gilgamesch-Epos.
Um sein Publikum zu fesseln, braucht Haggarty kein Bühnenbild, keine Requisiten, nur einen Klavierhocker. Und diese großen Hände, die für körperliche Arbeit gemacht scheinen und doch ganz zarte Linien in die Luft malen, wenn sie den Flug einer Taube beschreiben. Die Augenbrauen, die sich genau dann zu einem anzüglichen Dreieck verziehen, wenn der Dämonenkönig die böse Prinzessin auf seinen Schoß einlädt und „a little bit of this, a little bit of that“ einfordert. Die Stimme, die sich in die Höhe schwingt, wenn die Prinzessin dem Helden drei Aufgaben stellt und brummend in die Tiefe sinkt, wenn der weise alte Mann mit seinem leichtsinnigen jungen Gefährten schimpft. Gespür fürs Publikum braucht er auch: Ist es schon bereit für die dramatische Wendung? Oder muss sie noch ein bisschen hinausgezögert, muss erst beschrieben werden, wie sich der Himmel verfinstert?
'Crick' rufen die traditionellen Erzähler auf Haiti, 'Crack' antwortet das Publikum. 'Crick Crack Club' nannte Haggarty den Club, den er 1988 in London gründete, um das Erzählen zu fördern. Schon der Name sagt: Beim Erzählen kommt es auf die Live-Situation an. Der Erzähler wandelt ab, schmückt hier ein bisschen aus, lässt dort etwas weg, flicht Elemente aus anderen Geschichten ein.
Auswendig lernen oder gar Vorlesen wäre unter Haggartys Würde: Er hat die Bilder im Kopf und formuliert die Geschichte immer wieder neu, je nach Anlass, Publikum und Tagesform. „Darin liegt die Kreativität beim mündlichen Erzählen“, sagt er. Der gelernte Theatermann, den die Bühne unbefriedigt ließ, hat viel von den wenigen noch lebenden traditionellen Erzählern gelernt: Eins seiner Vorbilder ist Duncan Williamson, ein Schotte, der ohne Schrift aufwuchs, aber unzählige Geschichten parat hat.
Allerdings stellt sich Haggarty auf das moderne Publikum ein: Wenn der Held an drei aufeinander folgenden Tagen eine kleine Hütte entdeckt, und in jeder Hütte lebt eine Hexe, und jede Hexe lädt ihn ein, sich auf den Stuhl zu setzen, auf dem man kleben bleibt – nein, das kann man nicht ausbuchstabieren, da zieht Haggarty das Tempo an, da überschlagen sich Hütten, Stühle und Hexen, und die Zuhörer freuen sich auf die nächste Runde, die noch rasanter werden wird. Da sind Comedy-Elemente, da ist Witz, da ist Ironie.
Und doch ist es Haggarty ganz ernst mit den traditionellen Geschichten. Nach den Ausschreitungen in Problemvierteln britischer Städte in den achtziger Jahren sind er und seine Kollegen in die Schulen gegangen und haben in den Klassenräumen erzählt, vor schwierigen Jugendlichen, die unzusammenhängend sprachen und den Kopf voller Fernsehbilder hatten. Geschichten von Prinzen und Hexen für Problemkinder? Das funktioniert, versichert Haggarty: Nach anfänglicher Irritation und Abwehr lernen die Jugendlichen zuzuhören, sich zu konzentrieren, Bilder in ihrem Kopf entstehen zu lassen, statt vorgefertigte Bilder zu konsumieren. „Die Phantasie ist wie ein Muskel, man muss sie trainieren“, sagt Haggarty. Die jungen Leute, sagt er, hören in den Märchen, Mythen und Legenden, die so fern von ihrem Alltag sind, ihre eigenen Geschichten. „Diese Erzählungen sind nicht niedlich“, sagt Haggarty. „Ich erzähle keine weichgespülten Disney-Märchen. Wenn bei mir ein Bettler auftaucht, dann stinkt er.“
Kristin Wardetzky, die Haggarty an die UdK geholt hat, hofft nun, das Erzählen auch in Deutschland populärer zu machen. Unter anderem plant sie einen Weiterbildungsstudiengang, in dem sich Lehrer, Schauspieler und andere Interessierte zu professionellen Erzählern ausbilden lassen können.
Ben Haggarty und seine Kollegen vom Crick Crack Club sind echte Profis: Neunmal im Jahr füllen sie das Londoner Barbican Theatre. „Wir haben ein wachsendes und sozial sehr gemischtes Publikum“, sagt Haggarty, ein Publikum, das auf der Suche sei nach „etwas, das ganz einfach ist, aber nicht dumm“, einer „milden Form der Hypnose, der Telepathie“. Etwas, das Fernsehen und Computer nicht bieten können: jene Zauberei, die mit „Once upon a time“ beginnt.
Dorothee Nolte
Berliner Zeitung 10.10.2006
Belauschte Geschichten
Internationales Erzählerfestival an der Universität der Künste
Ich fange Geschichten auf", sagt Odile Néri-Kaiser, und breitet ihre Arme aus, als würde ihr gerade jemand einen goldenen Ball zuwerfen. Odile Néri-Kaiser stammt aus Lyon und hat auf diese Weise bereits eine Menge Märchen, Mythen und Legenden erhascht. Die bei Stuttgart lebende Französin zählt zu den vier professionellen Erzählern, die heute abend an der Universität der Künste zu erleben sein werden. Unter dem Motto "Was wäre die Welt ohne Erzähler ..." wollen auch Ben Haggarty aus Großbritannien, der Niederländer Marco Holmer und die Koreanerin Soogi Kang zeigen, wie wenig wirkliche Erzählkunst mit jenem strickstrümpfigen Märchenonkeltum zu tun hat, das man hierzulande oft damit verbindet.
Es geht ihnen nämlich keineswegs ums Vorlesen fertiger Druckwerke wie bei vielen Spoken-Word-Sessions, auch nicht um eine Konkurrenz eigener Texte wie bei klassischen Poetry Slams. Vielmehr werden aus dem Stegreif Archetypen und Motive miteinander verknüpft, die zum Teil nur mündlich überliefert sind; erst nach jahrelanger Übung beherrscht man diese Kunst. "Diese Oralität ist wie ein Lied; Inhalt und Form sind nicht zu trennen," so Néri-Kaiser, die in Stuttgart das internationale Erzählfestival "Im Fluss der Worte" mitbegründete und leitet. Sie lauschte afrikanischstämmigen Migranten in französischen Vorstädten oder Asylbewerbern aus ehemaligen Kolonien viele ihrer uralten, metaphernreichen und meist dialektgebundenen Legenden ab. Soogi Kang hingegen beschäftigte sich über viele Jahre mit Pan'sori, der koreanischen Kunst des Geschichtenerzählens, und knüpft an schamanistische epische Gesänge aus alten koreanischen Traditionen an. Marco Holmer lässt sich mal von afrikanischen Musikinstrumenten, mal von Fotografien, dann wieder von türkisch-holländischen Schelmengeschichten inspirieren. Und zu Ben Haggartys umfangreichem Repertoire von über 350 Geschichten gehören das Gilgameschepos, griechische Mythen, die Dramen Shakespeares, die er schon so mancher Londoner Schulklasse vor den Aufführungen im Globe Theatre nahebrachte.
Die Initiatorin Kristin Wardetzky, Professorin am Institut für Theaterpädagogik der UdK, will Erzählen als eigenständige Kunstform, mithin als Teilbereich der Darstellenden Kunst verstanden wissen. "Erzähler sind gute interkulturelle Vermittler", sagt sie. Wardetzky träumt davon, professionelle Erzähler verstärkt auch im bildungspolitischen Bereich einzusetzen; denn wenn Schulkinder durch Erzählkünstler zum Mitsprechen angehalten würden, fördere dies elementare Sprachkompetenzen. Derzeit können sich ihre Theaterpädagogik-Studenten im Rahmen einer Werkstattwoche bei den vier internationalen Meistern fortbilden. Doch auch, wenn man die Erzählkunst Holmers, Haggartys, Néri-Kaisers und Kangs nicht mit denselben pädagogischen Hoffnungen verbindet wie die Professorin, könnte der heutige Abend zu einem lohnenden Abenteuer werden:
Vielleicht erzählt Odile Néri-Kaiser ja die Geschichte von dem Mädchen, das in einen tiefen Brunnen fiel. Um wieder herauszukommen, musste es das Kostbarste, was es besaß, einer alten Frau überlassen: Seine Puppe, deren hennarotes Haar ihr dank eines Kaugummis auf dem Kopf klebte. Ohne sein Lieblingsspielzeug aber konnte sich das Mädchen an rein gar nichts mehr erinnern, eine regelrechte Sandwüste war sein Gehirn. Orientierungslos irrte es treppauf, treppab durch die Straßen von Lyon, bis es die Puppe endlich beschmutzt und zerrissen in einem abgewrackten Trödelladen wiederfand.
Aber vielleicht hat Odile Néri-Kaiser ja auch irgendwo noch eine ganz andere Geschichte aufgefangen.
Brigitte Preissler
Berliner Zeitung 21.12.2005
Wie man Geschichten modelliert
Ein Kurs an der UdK lehrt das Erzählen
Erzählen lernen - kann man das? Kristin Wardetzky ist davon überzeugt. Sie lehrt und forscht seit mehr als 15 Jahren an der Universität der Künste (UdK) zum Thema Erzählen. Diesen Schwerpunkt gibt es an keiner anderen Universität in Deutschland. "Eine Geschichte ist wie ein Gerüst, wie Knochen," sagt Kristin Wardetzky. "Der Erzähler muss die Sehnen, die Muskeln und die schöne Haut geben. Ich versuche die Studenten zu ermutigen, anhand überlieferter Stoffe ihre Geschichten selbst zu modellieren." Ein paar Grundregeln gibt sie ihnen mit: Nur das erzählen, wovon man selbst begeistert ist. Die Geschichte nicht zur Selbstdarstellung missbrauchen. Langsam sprechen. "Die Zuhörer müssen Zeit haben, ihre eigenen Bilder im Kopf zu formulieren."
Kristin Wardetzky betont immer wieder die Kraft, die Märchen innewohnt. 1985 hat sie eine Studie mit Kindern in der DDR gemacht. Sie ließ 2 000 Grundschüler Märchen erfinden und aufschreiben. Das Resultat war erstaunlich: "Die Kinder verfügten über ein enormes strukturelles Wissen, was die Machart von Märchen anging. Auch die Sprache war sehr poetisch - ganz anders als Alltagssprache." Nach der Wende machte sie die gleiche Untersuchung mit Kindern aus Westdeutschland. Heraus kam ein ganz anderes Ergebnis: "Die Spannungsbögen fehlten, die Sprache war eher alltäglich. Meistens haben die Kinder die Lösung eines Konfliktes aufgezeigt, die nicht erst errungen werden musste, sondern ganz plötzlich kam. Wie auf Knopfdruck."
Die Forscherin erklärt sich diese unterschiedlichen Ergebnisse mit der verschiedenen Gewichtung, die Märchenerzählen in der DDR und der BRD hatte. "In der DDR gehörten sie zur Kinderliteratur. Im Kindergarten, in der Schule, im Fernsehen - überall gab es Märchenfilme, wurden Märchen vorgelesen." Die Kinder in Westdeutschland dagegen wurden eher von Märchen fern gehalten - zu grausam, zu wenig kindgerecht seien diese, war häufig die Meinung.
"Ich bin froh, dass Märchen inzwischen wieder Einzug in die Kinderzimmer gefunden haben", sagt Kristin Wardetzky. "Sie simulieren Angst - aber gerade das kann sehr lustvoll sein. Denn jeder Märchenhörer weiß, dass am Ende wieder alles gut wird." (cbe.)
Christiane Bertelsmann